Neuerscheinungen Romane

01.07.22
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Karina Kalisa: Fischers Frau, Droemer, München 2022, ISBN: 978-3-426-28206-0, 22 EURO (D)

Karina Kalisa nimmt in ihrem neuen Roman das weithin unbekannte Kulturgut der Fischerteppiche als Ausgangspunkt und verknüpft Gegenwart und Vergangenheit.

Ein langjähriger Fangstopp führte Ende der 1920er Jahre für Fischer an der Ostsee fast zur Existenzbedrohung. Um sich dennoch ihren Lebensunterhalt zu sichern, kamen die auf die Idee, Teppiche herzustellen, in denen sie ihre gewohnte Umgebung auf See kunstvoll verarbeiteten.

In der Gegenwart bekommt die Kuratorin und Faserexpertin Mia Sund, die in einem Greifswalder Museum arbeitet, einen dieser alte Pommerschen Fischerteppiche mit außergewöhnlichen Farben zur Begutachtung, der mit Nina Silke Strad signiert ist.

Ob es sich nun um eine gut gemachte Fälschung oder ein regionales Kunsthandwerk handelt, beschäftigt Mia stark. Der Teppich löst auf verloren geglaubte Erinnerungen an die Vergangenheit bei ihr aus.

Sie gerät in einen Sog und will mehr über den Teppich und Nina Silke Strad erfahren und fährt dafür quer durch Europa.

In Kroatien hofft sie, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Dort lernt sie Milan kennen, der eine alte Teppichwerkstatt auflöst und ihr seine Hilfe für ihre Suche anbietet.

Mit und mit lichtet sich das Dunkel um die Ursprünge des Teppichs und Nina Silke Strand. Dazu pendelt die Autorin zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es geht sich aber nicht nur um Nina Silke Strand, sondern auch um Mia selbst und ihre Gefühle.

Es wird immer deutlicher, dass die beiden Frauen gewisse Parallelen trotz des Zeitunterschiedes aufweisen. Beide sind auf der Suche, beschäftigen sich mit Fragen des Lebens und wollen die Vergangenheit hinter sich lassen. Die Bewältigung des Ordnens ihres Leben und die Hoffnung auf einen Neuanfang verbindet sie.

Der Roman hat bis auf das Geheimnis des Teppichs keinen großen Spannungsbogen, das Werk besitzt dennoch Tiefe. Allegorien und Metaphern nicht nur das offensichtliche Verknüpfen prägen den Erzählstil, wobei Kalisa manchmal zu sehr ins Märchenhafte abdriftet und waghalsige Satzkonstruktionen vornimmt.

Die Verbindung von Erinnerung, Vergangenheit und Gegenwart wird empathisch erzählt, die Charakterisierung der Figuren und ihrer Gefühle ist gelungen und die Lektüre bis auf einige Passagen fesselnd.


Buch 2

James Ellroy: Allgemeine Panik. Roman. Die Schattenseiten Hollywoods der 50er-Jahre erzählt von dem Großmeister der Kriminalliteratur, Ullstein, Berlin 2022, ISBN: 978-3-550-20160-8, 26 EURO (D)

In diesem Roman gibt James Ellroy durch den Mund des Polizisten Freddy Otash den Leser*innen einen Einblick in die Ereignisse in den frühen 1950er Jahren Hollywoods und Los Angeles in einem fiktionalisierten und zeitweise realen Blick auf verschiedene Themen.

Das Buch beginnt über 20 Jahre nach Otashs Tod, er befindet sich im Fegefeuer. Es wird ihm gesagt, dass er dort rauskommt, wenn er die Wahrheit darüber sagt, was damals wirklich zu dieser Zeit passiert ist.

Dieses Geständnis von Otash ist in Form von Memoiren verfasst und handelt von der düsteren, schmutzigen und verborgenen Seite Hollywoods und der Reichen und Schönen in Los Angeles.

Ein Großteil dieses Buches dreht sich um die Caryl Chessman-Entführung und die anschließenden Mordprozesse, die Los Angeles für ein paar Jahre erschütterten. Das Los Angeles der Nachkriegszeit ein ebenso wichtiger Bestandteil des Buches ist wie seine Charaktere und seine Handlung. Es treten eine Reihe von bekannten Politiker*innen, Filmstars genauso wie Möchtegern-Stars, Drogenhändler*innen auf, Morde, Pornografie und dunkle Geheimnisse werden enttarnt.

Prominente und unvergessene Namen wie Senator Jack Kennedy, Marlon Brando, Natalie Wood, Sal Mineo und sogar der junge James Dean kommen irgendwie mit Otash in Kontakt und seinen Dunstkreis, woraus fiktive und reale Ereignisse resultieren.
Otash als Erzähler ist ein wichtiger Akteur in diesem Umfeld, eine seiner Hauptaufgaben besteht darin, diese Ereignisse zu verfeinern und in den Vordergrund zu stellen und sie in all ihrer dunklen und schäbigen Pracht zum Leben zu erwecken. Ellroy hat sich mit der damaligen Zeit fundiert auseinandergesetzt, das wird deutlich.

Der Roman hat ein atemberaubendes Sprachtempo, ist gespickt mit vielen Anspielungen, voller Metaphorik und Sprachkonstruktionen. Der Schmutz hinter den Kulissen wird in all seinen Facetten hochgeholt, manchmal so intensiv, dass es wirklich abgründig wird.

Ein Werk, was sicherlich polarisiert. Einige werden es göttlich finden, die anderen niveaulos oder wahnsinnig. Sicher ist, dass es nie langweilig wird.


Buch 3

Anthony Powell: Venusberg. Roman, Elfenbein Verlag, Berlin 2021, ISBN: 978-3-961-60055-7, 22 EURO (D)

Dies ist eines der Frühwerke des Satirikers Anthony Powell, das neu aufgelegt und ins Deutsche übertragen wurde. Die Originalausgabe erschien 1932.

Es berichtet die Abenteuer der Hauptfigur Lushington, einem britischen Journalisten, der von einer Londoner Zeitung als „Sonderkorrespondent“ in den 1930er Jahren in ein fiktives Land im Baltikum geschickt wird.

Dieser erholt sich gerade von einer unerwiderten Liebesbeziehung zu Lucy, die er in London kennengelernt hat. Schon auf dem Schiff, das ihn zu seiner Destination bringen soll, lernt er viele Passagiere kennen, die Flüchtlinge aus anderen Ländern sind und ihr Glück in der Ferne suchen. Unter diesen ist Ortrud Mavrin, eine Österreicherin, mit dem er gleich eine Affäre beginnt.

Als er in der baltischen Stadt ankommt, findet er bald Anschluss und verbringt die ersten Nächte in Nachtclubs. Die Menschen, die er dort kennenlernt, kommen aus verschiedenen Ländern und Kulturen und sind ein Panorama des Europas in den frühen1930er Jahren. Sie haben alle Zeit der Welt, müssen nicht arbeiten und sind Stammkunden in diversen Nachtclub, Bars und Restaurants. Dem Hedonismus auf gehaltvollerer Ebene schließt sich Lushington gerne an und so lernt der Leser diverse Personen besser kennen.

Es werden verschiedene hervorstechende Charaktere mit etwas Zynismus, schwarzem Humor und Zeichen des Verfalls beschrieben: verarmte Mitglieder der Aristokratie, Universitätsprofessoren und Diplomaten. Hinter den oft karikierten Personen werden von Powell geschickt tiefgehende Themen der menschlichen Natur platziert.

Die Handlung selbst ist nicht sonderlich spektakulär, es ist eine Art Innenansicht Europas zwischen den Kriegen mit ein wenig Politik und Diplomatie versehen. Das, was den Roman ausmacht, ist Powells Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur. Seine genauen Charakterisierungen, das Erzeugen von Stimmungen und der Sinn für das Groteske und Melancholie sowie sein Humor machen das Buch zu einem lesenswerten.

 







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