Kirche sein, "die für die Menschen da ist, nicht für sich selbst"

27.01.22
KulturKultur, Bayern, Debatte, TopNews 

 

Ein Kommentar von Georg Korfmacher, München

Das ist der zweite Paukenschlag für die Catholica nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens vor einer Woche. Und der kommt von eben jenem Primaten des Erzbistums München-Freising, der neben dem papa emmeritus in dem Gutachten besonders belastet wird. In unerwarteter Offenheit und Klarheit stellt der vom regierenden Papst hochgeschätze Kardinal Marx in einer Erklärung fest, dass dieses aktuelle Gutachten "ein tiefer Einschnitt für die Kirche hier im Erzbistum und darüber hinaus" ist und dass es ohne eine erneuerte Kirche keine Zukunft des Christentums gäbe. Neben den sich in seiner Erzdiozöse aufdrängenden Maßnahmen hebt der Primat die Missbrauchsproblematik auf die Ebene des Vatikans und macht seine Zukunft in der Kirche insofern von der Reaktion des Vatikans abhängig, als er sich überdeutlich zur durchgreifenden Reform der Catholica bekannt hat. Damit aber stellt er sich offen gegen die erzkonservative Clique im Vatikan um den papa emeritus, die unbeirrt Machterhalt und Meinungshoheit der Kirche erhalten will und das Gutachten aus München bereits als Angriff auf den pap emmeritus herabqualifiziert hat, und zwar noch bevor der Papst im Amt eine Stellungsnahme abgegeben hat. Denn für Marx "ist es völlig abwegig, von einem „Missbrauch des Missbrauchs“ zu reden im Sinne einer Verhinderung einer Reform der Kirche. ..... Für mich ist die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs Teil einer umfassenden Erneuerung und Reform". Das deutet auf eine tiefe Spaltung in der Kurie hin, an der die Catholica nach der Reformation von Martin Luther endgültig scheitern kann. Gut ist auf jeden Fall, dass der für die Catholica weltweit typische Machtmissbrauch jetzt endlich vom amtierenden Papst behandelt werden muss.

Denn: "Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden", so der Primat aus München eher höflich und mit der deutlichen Bemerkung, dass er an seinem Amt nicht klebe. Seine größte und unverzeihliche Schuld sieht er darin, "die Betroffenen übersehen zu haben". Das ist erstaunlich und in Anbetracht seiner Stiftung Spes et Salus eher unverständlich. Aber wie auch immer, ab sofort binden ihn seine klaren Aussagen in der Erklärung vom 27.1.2022, wenn er sich nicht selst ad absurdum fürhren will. Realistisch sieht er sich erst am Anfang eines langen Weges aber auch sicher, dass die Beteiligten "mit diesem Gutachten der Wahrheit und der umfassenden Perspektive auf die Kirche ein Stück nähergekommen sind. Wir sehen ein Desaster." Und aus diesem Desaster will er auch mit externem Sachverstand und durch Zusammenarbeit mit dem Staat heraus. Das aber bedeutet, auf sämtliche Privilegien zu verzichten, die eigenen Angelegenheiten wie jeder Verein im Rahmen der für alle geltenden Gesetze zu regeln und sich ohne wenn und aber an die Regeln unserer demokratischen Staatsform zu halten. Da aber ist Marx insofern zuversichtlich mit seiner "festen Überzeugung, dass wir uns als Kirche als lernende Organisation verstehen müssen, die auch externe Expertise aufnimmt." Gut so! Aber bitte nicht nur teure Expertise, sondern auch und vor allem konsequente Einordnung in unseren demokratischen Staat mit der Unterordnung unter unsere für alle gleichen Gesetze. Der Weg hin zu einer Kirche,"die für die Menschen da ist, nicht für sich selbst", ist lang und schwierig.







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